Marxismus? Denkt ein, zwei, viele Marx …

Viele Marx

„Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin“, soll Karl Marx einmal gesagt haben. Den viel zitierten Ausspruch bezog er auf das, was sich zu seiner Zeit in Frankreich als marxistische Strömung entwickelte. Wovon genau Marx sich damals abgrenzte, ist nicht überliefert. Sicher ist jedoch, dass er eines nicht ahnen konnte: Wie stark sich nach seinem Tod unter seinem Namen, aber zum „-ismus“ geworden, eine der einflussreichsten geistigen Strömungen und politischen Bewegungen über den ganzen Erdball verbreitete – der Marxismus.

Es bildeten sich im Lauf der Zeit hunderte von Rezeptionen, Denkweisen, theoretische und politischen Strömungen und Fraktionen aus, die sich nicht nur geistig-theoretisch und politisch-praktisch unterschieden, sondern die auch geographisch-räumlich ganz unterschiedlich ausfielen und die im Laufe ihrer Entwicklung Umbrüche und Spaltungen durchliefen. Aufgrund der Vielfalt, in welcher „der Marxismus“ dabei historisch in Erscheinung trat, wäre es sinnvoller, von Marxismen zu sprechen – oder von einer Theorie und Praxis „nach Marx“.

Bei aller Vielfalt und Unübersichtlichkeit stand durchgängig das Verhältnis von „Theorie“ und „Praxis“ im Mittelpunkt. Dieses Verhältnis ist bis heute allerdings unklar und umstritten: Will eine Theorie „nach Marx“ nicht schon selbst eine politische Praxis sein? Oder ist sie „nur“ die notwendige Voraussetzung für die Praxis? Oder kann eine sinnvolle Analyse und Kritik der Verhältnisse nur innerhalb einer politischen Praxis entstehen?

Und wie kann eine Einheit von Theorie und Praxis aussehen, nachdem die Einheit in einer „revolutionäreren Praxis“, für die Marx selbst warb und die zu seiner Zeit und in der Epoche der ArbeiterInnenbewegung noch möglich schien, im 20. Jahrhundert zerbrochen ist?

Trotz aller Schwierigkeit und Unschärfe in diesem Verhältnis erscheint es sinnvoll, zwei eigenständige Übersichten anzubieten, zum einen eine Übersicht der „Theorien und Debatten nach Marx“ und zum anderen eine Übersicht der „politischen Organisationen und Bewegungen nach Marx“. Eine solche Trennung muss schematisch bleiben, und es gibt sowohl Verbindungen als auch unvermeidliche Doppelungen. Auch können die beiden Übersichten aufgrund der Vielfalt und der globalen Verbreitung des Denkens und Handelns, das sich an Marx’ Kritik anschließt, nicht erschöpfend und vollständig sein – gleichwohl können sie eine erste Orientierung und einen Einstieg bieten.

Entwicklungen nach 1989

Der Zusammenbruch des „real existierenden Sozialismus“ um das Jahr 1989 sowie die finale Krise seines legitimationsideologischen Überbaus war ein enormer Einschnitt für die Parteien und Bewegungen nach  Marx. Doch allen – meist interessengeleiteten – Totengesängen zum Trotz stand die Bezugnahme auf Marx weiterhin auf der Tagesordnung, zumal die innermarxistische Auseinandersetzung und Kritik des Realsozialismus eine ebenso lange Tradition hatte wie der Realsozialismus selbst.

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Theorien und Debatten nach Marx

Das „nach“ in „Theorien und Debatten nach Marx“ bezieht sich nicht nur rein chronologisch auf die weltweite Entwicklung, die auf Marx’ Kritik folgte. Es zielt auch auf eine inhaltliche Entwicklung, die in Marx’ Kritik ihren Ausgangspunkt nimmt und die sich bis heute immer wieder neu erfinden musste, sei es in der Kritik der Religion oder der Philosophie, der Ökonomie oder der Politik oder, zusammengefasst, in der Kritik der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft.

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Parteien und Bewegungen nach Marx

Die sich an Karl Marx orientierenden Strömungen der Gesellschaftskritik, die überblicksartig in „Theorien und Debatten nach Marx“ vorgestellt werden, lassen sich natürlich kaum abkoppeln von der organisierten politischen Praxis. Schon Marx selbst bezog sich nach seinem „Abschied“ von den Junghegelianern auf sie und insbesondere auf das Proletariat.

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