„Diese Theorien sind um so gefährlicher, als sie in scheinrevolutionärem Gewand auftreten.“

Vorbemerkung des Marx-Engels-Lenin-Instituts zum zweiten Band, Verlag für Literatur und Politik, 1933

VORBEMERKUNG DER REDAKTION

In der Vorrede des Marx-Engels-Lenin-Instituts und besonders in Lenins Artikel„Karl Marx“, der als eine Einführung in den Marxismus der deutschen Volksausgabe des „Kapital“ voran­gestellt ist, wird die Bedeutung des 2. Buches im Rahmen des Ge­samtwerks gekennzeichnet. Eine kurze Geschichte seiner Ent­stehung und der Schaffung des 2. Buches in seiner vorliegenden Form aus den von Marx hinterlassenen Manuskripten findet der Leser im Vorwort von Engels.

Das 2. Buch erschien fast 20 Jahre nach dem ersten. Ver­glichen mit dem gewaltigen Eindruck, den das 1. Buch auf die Leserschaft machte, als das Hauptwerk des Marxismus, hat der reiche, wertvolle Inhalt des 2. Buches weniger Beachtung gefun­den, wie bereits Engels in einem Brief an Danielson voraussagte. Der Grund liegt nicht nur in der im allgemeinen schwierigeren, von Marx nicht mehr für den Druck bearbeiteten und populari­sierten Darstellung. Eine große Rolle spielte das bei der deutschen Sozialdemokratie traditionelle Unverständnis der Probleme dieses 2. Buches. Es war kein Zufall, wenn Kautsky es schon 1886 einen Torso nannte. Mit dem Uebergang der Sozialdemokratie ins bür­gerliche Lager, ihrer schließlichen Verwandlung in eine sozial­faschistische Partei wurde die Sozialdemokratie immer mehr zu einer direkten Fälscherin und Liquidatorin der Marxschen Theorie der Zirkulation und Reproduktion des Kapitals. Charakteristisch hierfür sind Renners Buch „Die Wirtschaft als Gesamtprozeß und die Sozialisierung“ und Kautskys Ein­leitung zum 2. Buch des „Kapital“ in der Dietzschen Ausgabe im Jahre 1926.

In dem in der Vorrede skizzierten Kampf des Marxismus an der theoretischen Front hat der 2. Band des „Kapital“ eine be­deutende Rolle gespielt: im Zweifrontenkampf Lenins in den 70er Jahren gegen die „legalen Marxisten“,eine bürgerliche Richtung innerhalb der russischen Arbeiterbewegung, die „beim Kapitalis­mus in die Schule gehen“ wollte und den proletarischen Klassen­kampf preisgab, und die Narodniki,eine kleinbürgerliche Partei, die den Sozialismus, gestützt auf die Bauernschaft, aufbauen wollte, und die Möglichkeit der Entwicklung des Kapitalismus in Rußland leugnete; in der Diskussion zwischen den „Harmoni­kern“(Otto Bauer, Hilferding, Braunthal usw.), die die Möglich­keit einer krisenlosen Entwicklung des Kapitalismus behaupteten, und den Theoretikern des automatischen Zusammenbruchs desKapitalismus,die, gestützt auf die Fehler der Narodniki, die Mög­lichkeit der Realisierung des Mehrwerts im „reinen“ Kapitalismus leugneten; schließlich im Kampf des Leninismus in der Gegenwart einerseits gegen die Theorie des „Ultraimperialismus“, des „Gene­ralkartells“,des „organisierten Kapitalismus“,andererseits gegen die modernen Theorien des automatischen Zusammenbruchs desKapitalismus,die insbesondere von der „linken“ Sozialdemokra­tie propagiert werden. Diese Theorien sind um so gefährlicher, als sie in scheinrevolutionärem Gewand auftreten, während sie tatsächlich das Proletariat zur Untätigkeit verurteilen, es demo­bilisieren.

Wir bringen im Anhang Auszüge aus Leninsökonomischen Arbeiten der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts, weil sie nicht nur eine meisterhafte Kritik der Theorien der legalen Marxisten und der Narodniki darstellen, sondern gleichzeitig die heuti­gen Schüler der damaligen Opportunisten, die modernen sozial­demokratischen Vulgärökonomen treffen. Die im Anhang wieder­gegebenen Arbeiten Lenins lehren die Methode der Untersuchung,die Unterscheidung zwischen der Ausarbeitung der allgemeinen Bewegungsgesetze des Kapitalismus, dem „reinen“ Kapitalismus, und der Form, in der sich diese Gesetze historisch, konkret verwirklichen. Sie trennen die Frage der Realisierung als „eine abstrakte Frage, die zur Theorie des Kapitalismus überhaupt gehört“, von der Frage des Außenhandels als „einer historischen Frage, einer Frage der konkreten Bedingungen der Entwicklung des Kapitalismus in diesem oder jenem Lande in dieser oder jener Epoche“. Lenin zeigt, wie die Realisierung des Gesamtproduktsder kapitalistischen Produktion vor sich geht, wie der Umsatz zwischen den beiden großen Abteilungen der gesellschaftlichen Produktion, der Produktionsmittel- und Konsumtionsmittelindu­strie, wie der „Stoffersatz“ und der „Wertersatz“ erfolgen. Er zeigt die Schwierigkeiten,unter denen er erfolgt. In seinen Ausführun­gen gibt Lenin eine erschöpfende grundsätzliche und zugleich populäre Darlegung der Marxschen Krisentheorieund schlägt auch hier mit der Widerlegung der Fehler Tugan-Baranowskis die Krisentheorien der modernen sozialdemokratischen Vulgär­ökonomen.

Die im Anhang wiedergegebenen Artikel Lenins sind ein glän­zendes Beispiel dafür, wie ein Marxist das 2. Buch des „Kapital“ studieren, verstehen und auf die konkreten Fragen der Gegenwart anwenden muß.

Stalin,der konsequenteste Schüler Lenins, der die Marx-Lenin­sche Theorie der Reproduktion und Zirkulation des Kapitals selbständig auf die Probleme des sozialistischen Aufbaus ange­wandt hat, wies in seiner Rede auf der Konferenz der marxisti­schen Agrartheoretiker am 27. Januar 1929 auf die große und aktuelle Bedeutung des 2. Buches des „Kapital“ hin. Er zeigte an Hand der Lehren des 2. Buches, daß der Umbau des Dorfes auf sozialistische Gleise nicht auf dem Wege der Spontanität, automatisch, ohne Führung durch die sozialistische Großindu­strie, ohne Kampf gegen die Kulaken vor sich gehen könne, daß die Warenwirtschaft des russischen Dorfes, sich selbst über­lassen, immer wieder au sich heraus neue kapitalistische Elemente erzeugen müsse.

So erweist sich, wie Lenin sagt, das 2. Buch des „Kapital“ als „die schärfste Waffe gegen die Apologetik“.


Aus dem diesem Band beigegebenen Anhangheben wir beson­ders Marx' Brief an Engels vom 6. Juli 1883 hervor (S. 533-536), wo Marx an Hand von Tabellen dem Leser sehr anschaulich die Grundprobleme seiner Theorie der Reproduktion und Zirkulation des Gesamtkapitals darstellt.

Wertvolle Ratschläge für das Studium des 2. Buches des „Kapital“ gibt Engels in seinem Brief an Viktor Adler, der im Anhang zu diesem Bande folgt (S. 543 f). Zu unterstreichen ist, daß diese Ratschläge nur für eine erste, vorläufige Lektüre gel­ten und eine nochmalige gründliche Durcharbeitung im Zusam­menhang erforderlich ist.


Die Volksausgabe des 2. Buches des „Kapital“ ist den in der Vorrede dargelegten Grundsätzen entsprechend vorbereitet wor­den. Der Leser findet dort alles Nötige über die Popularisierung des Textesund die Register.

Zugrunde gelegt wurde der Text der 2. im Verlag von Meissner erschienenen Auflage (1893). Als Hilfsmitel der wissenschaftlichen Textbearbeitung dienten die von Engels diktierte Druckvorlage und die Manuskripte von Marx. Durch Vergleich gelang es eine Reihe von Druckfehlern im Text der 2. Auflage festzustellen und auszumerzen. Die wichtigsten dieser Korrekturen wurden in Fuß­noten vermerkt. Wo sich derselbe Fehler in der 2. Auflage und in der Druckvorlage fand, wurde in diesen Fußnoten nur die erste zitiert.

Die Zitate wurden bis auf wenige Ausnahmen an Hand der Originale nachgeprüft, Schreib- oder Druckfehler in Seitenan­gaben, Jahreszahlen und einige andere offensichtliche Versehen verbessert. Da die von Marx benutzte Ausgabe von Adam Smith von 1848 nicht vorlag, wurde die Zitatenprüfung nach der Wake­fieldschen Ausgabe von 1843 vorgenommen. [1]

Alle in eckigen Klammern stehenden Worte sind Zusätze der Redaktion. Die Zusätze und Bemerkungen von Engels wurden sämtlich in runde Klammern gesetzt und mit „F. E.“ gezeichnet. Die in Zitate eingestreuten Bemerkungen, die — wie der Vergleich mit dem Marxschen Manuskript zeigte — von Marx herrühren, wurden in runden Klammern gesetzt und durch Unterbrechung der Anführungszeichen als Marxsche Zusätze gekennzeichnet.

Moskau, Februar 1933


Fußnoten

[1] Die Seitenzahlen der Zitate aus dem III. Buch des „Kapital“ im Anhang beziehen sich auf die Meissnersche Ausgabe.

Ähnliches: 

„…auf mich fiel nun die Pflicht, die Herausgabe sowohl dieser dritten Auflage wie des handschriftlich hinterlassenen zweiten Bandes zu besorgen.“

Es war Marx nicht vergönnt, diese dritte Auflage selbst druckfertig zu machen. Der gewaltige Denker, vor dessen Größe sich jetzt auch die Gegner neigen, starb am 14. März 1883.

„Die Untersuchungsmethode, deren ich mich bedient habe (…), macht die Lektüre der ersten Kapitel ziemlich schwierig...“

London, 18. März 1872 An den Bürger Maurice La Châtre Werter Bürger!

„Die Arbeit ist das Mass des Werts“