„Seine eigenen Worte so vorzubringen, dass jedermann sie verstehen kann.“

Das Kapital – Gemeinverständliche Ausgabe, besorgt von Julian Borchardt. E. Laubsche Verlagsbuchhandlung, 1931

Vorrede des Herausgebers zur ersten Auflage

Mit der deutschen November-Revolution 1918 hat die Ära des Sozia­lismus begonnen. Sozialismus und Sozialisierung sind die Schlagworte des Tages. Was aber bedeutet Sozialismus? Nicht nur für den Gebil­deten, sondern für jedermann ist es heute eine dringende Notwendig­keit, sich mit den Grundlehren des Sozialismus bekannt zu machen.

Der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus war Karl Marx (geboren 1818 zu Trier, gestorben 1883 zu London). In seinem Haupt­werk „Das Kapital" sind die sozialistischen Grundlehren vereinigt. Dieses Buch kennenzulernen, ist somit heute unabweisbare Pflicht für jeden, der die Entwicklung unserer Zeit verstehen oder gar daran tätig mitwirken will.

Jedoch eine Pflicht, die gar nicht leicht zu erfüllen ist. Wer „Das Kapital" lesen will, stößt auf eine Überfülle von Schwierigkeiten. Ja, man darf sagen, für den Laien ist es überhaupt unlesbar. Und die meisten Menschen sind doch nun einmal Laien.

Da ist zunächst der gewaltige Umfang. Nicht weniger als 2200 große Druckseiten füllen die drei Bände des Werks. Wer kann die lesen, wenn er nicht ein Spezialstudium daraus machen, sondern daneben auch noch seine Berufsgeschäfte erledigen will! Dazu kommt eine ungemein schwer verständliche Ausdrucksweise. Liebedienerei, die an einem großen Manne alles schönfärben will, hat behauptet, Marx habe einen klaren, treffenden, leichtfaßlichen Stil. Das trifft nicht einmal auf seine für Zeitungen verfaßten kleineren Schriften zu. Wer es aber von seinen nationalökonomischen Werken behauptet, der sagt einfach die Unwahrheit. Es ist ein tiefes Eindringen, eine große geistige An­strengung, eine liebevolle Versenkung in das Werk und nicht zuletzt auch eine recht umfassende nationalökonomische Fachbildung erforder­lich, um seine Ausdrucksweise überhaupt zu verstehen. Der Grund dieser Schwerfälligkeit ist sehr wohl erkennbar. Was Marx geleistet hat, ist eine ungeheure Gedankenarbeit. Alles, was vor ihm von der nationalökonomischen Wissenschaft geleistet worden, hat er beherrscht und dieses Material durch eigene Forschung enorm vermehrt; alle Wirt­schaftsprobleme hat er durchdacht und gerade die wichtigsten von ihnen zu ganz neuen Lösungen geführt. Da war sein ganzer Geist, seine ganze Energie von dem Inhalt so in Anspruch genommen, daß er auf die Form kein Gewicht legte. Neben der Fülle der Gedanken, die ihn unausgesetzt beschäftigten, blieb ihm der Ausdruck gleichgültig. Auch hatte er wohl kein Gefühl mehr dafür, daß unzählige Dinge, die ihm geläufig waren und selbstverständlich erschienen, an­deren, die nicht über so große Kenntnisse verfügen, die größten Schwie­rigkeiten bereiten mögen. Zumal er kaum daran gedacht haben wird, für Laien zu schreiben. Ein fachwissenschaftliches Werk wollte er geben.

Wie dem auch sei, fest steht jedenfalls, daß die Schwierigkeit des Ausdrucks nur durch einen Aufwand von Zeit und Arbeitskraft über­wunden werden kann, über die der Laie schlechterdings nicht verfügt.

Und dann kommt noch erst die dritte und größte Schwierigkeit. Marx' Werk ist vom ersten bis zum letzten Buchstaben aus einem Guß; die verschiedenen Teile seiner Lehre gehören dermaßen innig zuein­ander, daß kein Teil ohne Kenntnis der anderen richtig verstanden wer­den kann. Wer sich daran macht, die ersten Kapitel zu lesen, kann natürlich noch nicht wissen, was die späteren bringen, und muß dem­zufolge ein falsches Bild von der Lehre gewinnen, so lange bis er alle drei Bände bis zu Ende studiert hat.

Diese Schwierigkeit wird noch dadurch vermehrt, daß Marx das Werk nicht hat vollenden können. Nur den 1867 erschienenen 1. Band des „Kapital" hat er druckfertig bis zu Ende geschrieben. Die beiden an­deren Bände sind erst nach seinem Tode von seinem Freunde Friedrich Engels herausgegeben worden 1. Diese waren nun aber keineswegs bis zur Druckreife gediehen, und so hat Engels viel­fach die Entwürfe, in denen Marx seine Gedanken zunächst einmal aufs Papier geworfen, in das Buch aufgenommen. Das ergibt unzählige Wie­derholungen. Der Leser, der das nicht weiß — und der Laie kann es nicht wissen — sieht zu seinem Erstaunen denselben Gedanken immer und immer von neuem mit anderen Worten vorgetragen, zehnmal, fünf­zehnmal und noch öfter, ohne daß ihm klar wird, weshalb. So kommt es, daß sogar die Fachgelehrten in der Regel sich darauf beschränken, den ersten Band zu lesen und dann natürlich das, was Marx sagen will, falsch verstehen. Noch viel mehr gilt das für Laien, wie z. B. Arbeiter, die vielleicht mit einem kolossalen Aufwand ihrer Freistunden den ersten Band bis zu Ende lesen, aber der Lektüre des zweiten und dritten Bandes in großem Bogen ausweichen.

Aus all diesen Gründen war es mir schon lange vor dem Kriege klar, daß ein dringendes Bedürfnis vorlag, das „Kapital" lesbar zu machen für die Unzähligen, die darnach lechzen, seinen Inhalt zu kennen, ohne doch sozusagen ein Stück ihrer Lebensarbeit daran setzen zu können. Es handelt sich, wohlverstanden, nicht um eine Popularisierung der Marxschen Lehre, die darin bestände, daß ein anderer in selbständiger Bearbeitung mit anderen Worten das, was Marx lehrt, verständlich zu machen sucht. Derlei Arbeiten gibt es genug. (Oft leiden sie übrigens daran, daß der Verfasser selbst nur den ersten Band kannte und die beiden anderen nicht für nötig hielt.) Sondern es handelt sich darum, Marx selbst sprechen zu lassen, sein eigenes Werk, seine eigenen Worte so vorzubringen, daß jedermann mit etwas Zeit und Mühe sie verstehen kann.

Das war die Aufgabe, die schon seit Jahren vor meinem geistigen Auge stand 2. Der Krieg mit seinem erzwungenen Müßiggang hat mir die nötige Zeit dazu verschafft. Ich lege sie hiermit der Öffentlichkeit vor und bin noch schuldig zu sagen, aus welchen Gründen ich mich zu einer solchen Arbeit für befugt und befähigt halte, und wie ich dabei verfahren bin.

Wenn ich über meine Kompetenz zu dieser Arbeit einige Worte für nötig halte, so liegt das nur an der Gestaltung der politischen Verhält­nisse, wie sie sich infolge des Weltkrieges in Deutschland herausgebil­det hat. Ich sehe voraus, daß diejenigen Kreise, welchen meine poli­tische Betätigung nicht gefällt, sich versucht fühlen werden, mich für einen Banausen zu erklären, der nie etwas von Marx begriffen habe und nicht berechtigt sei, eine solche Arbeit zu unternehmen. Dem will ich von vornherein die Spitze abbrechen. Ich teile deshalb kurz folgen­des mit.

Im Jahre 1909 erschien eine kleine von mir verfaßte Schrift über „Die Grundbegriffe der Wirtschaftslehre", welche eine Popularisierung der Marxschen Lehre vom Wert und Mehrwert enthält. Das „Hamburger Echo", das der von mir vertretenen Richtung auf das schärfste entgegengesetzt ist, aber heute noch von denselben Personen redigiert wird wie damals, schrieb am 7. Februar 1909 über jenes Schriftchen :

„Mit Recht hat man die Übersetzung namentlich dichterischer Werke in eine andere Sprache eine Kunst genannt, die keineswegs so einfach ist, als viele meinen, wenn in der Übertragung Geist, Aroma, Kolorit, Stimmung des Originals nicht ver­loren gehen soll. Mit wörtlicher Übersetzung wird das nicht erreicht; im Gegenteil muß oft von den Ausdrucksmitteln des Originals abgewichen und es müssen solche gewählt werden, die in der anderen Sprache den gleichen Effekt bewirken. Das Gesetz, das Lessing im Laokoon über verschiedene Künste entwickelt, kommt auch da zur Geltung. Als Beispiel seien nur die Vossische Übersetzung des Homer und die des Byronschen Don Juan von Otto Gildemeister angeführt. Beide sind weniger korrekt und treu dem Buchstaben nach als alles andere, und doch rata pneuma (nach dem Geiste) ungleich treuer, weil Wesen und Charakter des Originals atmend und wiederspiegelnd.“

„Auch das Popularisieren wissenschaftlicher Werke ist eine Kunst, von wel­cher gilt: Viele fühlen sich berufen, aber wenige sind auserwählt. Es genügt keines­wegs, bloß die Gedanken gekürzt auszuziehen. Meist ist es nötig, den ganzen Stoff einem förmlichen Umschmelzungsprozeß zu unterziehen und in der Dar­stellung, auch in Gruppierung und Anordnung, eigene Wege zu gehen.“

„Wissenschaft und Gelehrsamkeit sind nicht dasselbe.“

„Wissenschaftliche Quellenwerke sind gewöhnlich mit viel gelehrter Denkarbeit durchsetzt. Die Theorie erscheint da nicht mehr als Fertiges in systematischer Ord­nung, sondern als ein Werdendes, der Autor entwickelt sie genetisch-dialektisch nach besonderen Gesichtspunkten und oft auch polemisch wider entgegenstehende Theorien. Solches und anderes gelehrte und den Laien leicht verwirrende Beiwerk kann und soll ausgeschieden werden, damit das wissenschaftliche Ergebnis im Rein­gehalt, und in logischer Aufeinanderfolge, leicht faßlich für jedermann zur Dar­stellung gelange. Nur das Produkt, nicht der gelehrte Arbeitsprozeß soll zum Vor­schein kommen, was natürlich die innerliche Begründung nicht ausschließt. Wo aber doch aus solchem Beiwerk einiges von Interesse ist, wäre es als besonderer Zusatz anzufügen.“

„Die populäre Behandlung soll sich zunächst auch nur auf das Wesentliche beschränken, auf die Hauptgedanken, und nicht mit allzuviel Stoff belastet wer­den, was die Aufnahmefähigkeit der Massen übersteigt.“

„Wichtig ist besonders auch, daß das Abstrakte mit konkreten Beispielen, mit greifbaren Fällen aus dem Leben, veranschaulicht werde. Vielen ist es schwer, über schwierige und komplizierte Materien in Begriffen zu denken; nur wenn das Begriffliche auseinandergesetzt — was allerdings nicht ausgelassen werden soll —auch mit Anschauungen klar gemacht wird, dringt es nicht bloß schattenhaft, sondern mit plastischer Deutlichkeit in die Köpfe. Die Hartnäckigkeit, womit sich der Götterglaube behauptet, hat nicht zum wenigsten auch darin seinen Grund, daß sie abstrakte Begriffe personifizieren.“

„Wird das Dargestellte auch noch mit treffenden Gleichnissen aus anderen Gebieten illustriert, um so besser. Und ein wenig eingestreuter Humor belebt das Ganze und macht es anziehend.“

„Das Gesagte gilt auch für den mündlichen populären Vortrag.“

„Wir freuen uns, an der Schrift von Julian Borchardt rühmen zu können, daß darin die Zentralgedanken der marxistischen Ökonomie vortrefflich und im Allgemeinen ganz im Sinne des Vorstehenden popularisiert sind. Wie kurz, einfach und lichtvoll ist z.B. die Pointe der Mehrwerttheorie auf der ersten Seite resumiert: „Das Kapital kauft die Arbeitskraft und zahlt dafür den Lohn. Indem dann der Ar­beiter arbeitet, erzeugt er neuen Wert, der nicht ihm, sondern dem Kapitalisten gehört. Eine Weile muß er arbeiten, um nur den Wert des Arbeitslohnes wieder zu erstatten. Aber nachdem dies geschehen, hört er nicht auf, sondern arbeitet noch einige Stunden des Tages. Der neue Wert, den er jetzt erzeugt, und der also den Betrag des Arbeitslohnes übersteigt, ist der Mehrwert.” — Näheres über Wert und Arbeit sowie über den Kapitalprofit, ist dann gesondert in den beiden letzten der sechs in Unterabteilungen wohlgegliederten Kapitel nicht minder gemeinverständlich ausgeführt.“

„Ohne die Darstellung zu beschweren, ist bei der Kooperation und Arbeitsteilung mit wenigen Sätzen die geschichtliche Entwicklung eingeflochten, soweit sie zum besseren Verständnis der kapitalistischen Produktion dient.“

„Und so weiter.“

„Wie der Autor im Vorwort sagt, wollte er kein abgeschlossenes System der Wirtschaftslehre bieten, sondern nur den Gedankengang, der dem Marxschen „Ka­pital", I. Band, zugrunde liegt. Und das ist ihm vortrefflich gelungen und wir stehen nicht an, die Schrift denen, die vom ökonomischen Marxismus noch kein richtiges Wissen haben, zur Einführung in denselben aufs Wärmste zu empfehlen.“

Damit dürfte wohl die Frage meiner Zuständigkeit für die vorliegende Arbeit ein für allemal erledigt sein. Hinzugefügt mag noch werden, daß es jetzt rund 30 Jahre sind, seit ich mich beruflich auf das inten­sivste mit Marx' „Kapital" beschäftigen mußte, und daß ich schon vor bald 20 Jahren im Auftrage des Brüsseler Instituts für Sozialwissen­schaften (in Gemeinschaft mit dem belgischen Genossen Vanderrydt) den 2. und 3. Band des „Kapital" ins Französische übersetzt habe 3.

Nun noch wenige Worte über die Art, wie ich die mir gestellte Auf­gabe zu lösen gesucht habe. Mein Bestreben mußte es sein, soviel wie nur irgend möglich Marx' eigene Worte stehen zu lassen und meine Tätigkeit auf das Auslassen und Umstellen zu beschrän­ken. Wie bereits oben bemerkt, liegt die schwere Verständlichkeit des Marxschen Werkes zu einem großen Teil daran, daß man, um einen Teil richtig aufzufassen, eigentlich alle anderen schon kennen müßte. Es dürfte kaum übertrieben sein, daß die ersten Abschnitte den Laien, der sich zum erstenmal daran wagt, anmuten, als seien sie chinesisch geschrieben. Das liegt eben daran, daß er von dem Geist, von der An­schauungsweise des Werks noch keine Ahnung hat. Ihm diese zu ver­mitteln, dazu gehört die Kenntnis wichtiger Abhandlungen, die erst im dritten Bande stehen. Mir war deshalb von vornherein klar, daß ich die Reihenfolge der Gedanken und ihrer Abhandlungen ganz und gar um­kehren mußte. Vieles von dem, was im dritten Bande steht, mußte ganz an den Anfang gesetzt werden. Auch sonst mußte ich vielfach Abhand­lungen, die über verschiedene, oft weit voneinander entlegene Kapitel verteilt sind, zusammenbringen, andere umgekehrt voneinander ent­fernen und dabei natürlich des öfteren Verbindungssätze schreiben, während im großen und ganzen stets der Wortlaut, wie er von Marx selbst herrührt, stehengeblieben ist.

Damit war schon viel gewonnen. Wer sich vielleicht die Mühe nimmt, meine Bearbeitung mit dem Original zu vergleichen, wird mit Er­staunen bemerken, wie viele sonst äußerst schwer zu fassende Gedanken­gänge durch die bloße Umkehrung der Reihenfolge klar und verständ­lich geworden sind.

Nicht minder fruchtbar waren die Auslassungen. Es verstand sich von selbst, daß von den endlosen Wiederholungen des zweiten und drit­ten Bandes jedesmal nur eine Fassung ausgewählt und aufgenommen wurde. Aber darüber hinaus war es ja überhaupt nicht mein Zweck, das ganze Werk in allen seinen Einzelheiten wiederzugeben. Sondern es mußte eine Auswahl getroffen werden derart, daß der Leser den ganzen grundlegenden Gedankengang mit Marx' eigenen Worten kennenlernt, ohne doch durch zu großen Umfang des Werks abgeschreckt oder über­müdet zu werden. Wer will, kann ja durch Vergleichung jederzeit fest­stellen, ob etwa Wesentliches fehlt. Um solche Kontrolle zu erleichtern, habe ich bei allen Kapitelanfängen und auch sonst, so oft es tunlich erschien, am Fuß der Seite angegeben, aus welchen Teilen des Originals ich geschöpft habe.

Trotzdem blieben freilich eine nicht geringe Anzahl von Stellen übrig, die schlechterdings nicht in dem von Marx verfaßten Wortlaut belassen werden konnten. Sie wären sonst unverständlich geblieben und mußten also sozusagen ins Deutsche „übersetzt“ werden. Um auch hier eine Kontrolle zu ermöglichen, ob ich mir dabei etwa unzulässige Freiheiten erlaubt und den Sinn des Originals geändert habe, will ich zwei solcher Stellen als Probe hierhersetzen.

Im ersten Band Kap. 13, I 4 heißt es im Original:

„In der einfachen und selbst in der durch Teilung der Arbeit spezifizierten Koope­ration erscheint die Verdrängung des vereinzelten Arbeiters durch den vergesellschaf­teten immer noch mehr oder minder zufällig. Die Maschinerie, mit einigen später zu erwähnenden Ausnahmen, funktioniert nur in der Hand unmittelbar vergesellschafteter oder gemeinsamer Arbeit. Der kooperative Charakter des Arbeitsprozesses wird jetzt also durch die Natur des Arbeitsmittels selbst diktierte technische Notwendigkeit.“

Das habe ich (auf S. 62 dieser Ausgabe) wie folgt umgewandelt :

„In der einfachen, und selbst in der durch Arbeitsteilung verfeinerten Kooperation erscheint die Verdrängung des vereinzelten Arbeiters durch den vergesellschafteten immer noch mehr oder minder zufällig. Die Maschinerie (mit einigen später zu erwähnenden Ausnahmen) erfordert ohne weiteres vergesellschaftete Arbeit (d. h. planmäßig gemeinsame Arbeit vieler). Die Natur des Arbeitsmittels selbst macht jetzt das planmäßige Zusammenwirken zur technischen Notwendigkeit.“

Der zweite Band enthält auf S. 54 die folgende Stelle :

„Fungiert das Geld in den Transaktionen unseres Geldkapitalisten als Zahlungs­mittel (in der Art, daß die Ware erst in kürzerem oder längerem Termin vom Käufer zu zahlen), so verwandelt sich das zur Kapitalisation bestimmte Mehrprodukt nicht in Geld, sondern in Schuldforderungen, Eigentumstitel auf ein Äquivalent, das der Käufer vielleicht schon im Besitz, vielleicht erst in Aussicht hat.“

Daraus habe ich (auf S. 199) gemacht :

„Sind die Waren, die unser Geldkapitalist verkauft, nicht sofort, sondern erst nach kürzerer oder längerer Frist zahlbar, so wird derjenige Teil des Mehrprodukts, der zum Kapital geschlagen werden soll, nicht zu Geld, sondern zu Schuldforderungen, Eigentumstiteln auf einen Gegenwert, den der Käufer vielleicht schon im Besitz, vielleicht erst in Aussicht hat“5.

Ich schließe, indem ich der Hoffnung Ausdruck gebe, mit dieser Ar­beit etwas geleistet zu haben, das nicht nur dem Verständnis von Marx, sondern dem nationalökonomischen Wissen überhaupt und insbeson­dere der Sache des Sozialismus Nutzen bringt. Besonders würde ich mich freuen, wenn meine gemeinverständliche Ausgabe in recht vielen Lesern den \Wunsch erwecken würde, danach auch das Ori­ginalwerk selbst zur Hand zu nehmen.

Berlin-Lichterfelde, im August 1919
Julian Borchardt


Vorrede zur 3. Auflage

Ein Jahr und neun Monate sind vergangen, seit diese gemeinver­ständliche Ausgabe von Marx' Kapital zum erstenmal gedruckt erschien. Mindestens sechs Monate lang war innerhalb dieser Zeit der Vertrieb des Buchs unterbrochen — teils aus allgemein politischen und wirt­schaftlichen Ursachen, wie Kapp-Revolte, wirtschaftliche Depressionen usw. ; teils durch Verzögerung des Drucks der zweiten Auflage. Man darf also sagen, daß in nur 15 Monaten 10 000 Exemplare in Umlauf ge­bracht sind, und trotzdem ist die Nachfrage nach dem Buch so rege ge­blieben, daß eine dritte Auflage sich als notwendig erweist.

Wenn ich offen sein soll, so muß ich sagen, daß ich durch diesen Erfolg in keiner Weise überrascht bin. Zu tief bin ich seit Jahrzehnten von der Notwendigkeit eines solchen Buches überzeugt gewesen. Ja, ich zweifle nicht, daß der Erfolg noch viel schneller eingetreten wäre, wenn nicht die in unserem kapitalistischen Zeitalter so leidigen Geldfragen hindernd im Wege gestanden hätten. Die geschäftliche Propaganda ist heute so furchtbar teuer, und die wenigen, die mich bisher bei der Her­ausgabe des Buchs unterstützten, sind alle nicht mit Glücksgütern gesegnet.

Natürlich bin ich nicht so unbescheiden, den großen Erfolg des Buchs allein meiner Arbeit zuzuschreiben. Marx' Lehren zu kennen, ist eben heute für Hunderttausende geistig erweckter Menschen eine unbedingte Notwendigkeit. Sie hungern nach seiner Botschaft ; die Lektüre ist für sie ein Labsal.

Immerhin glaube ich sagen zu dürfen, daß es mir im großen und ganzen wohl gelungen sein dürfte, die Lehre des Meisters in der rich­tigen Form wiederzugeben, die einerseits ihren Sinn und Inhalt treu wahrt, andererseits dem Laien und Neuling ihr Verständnis erschließt. Ich schließe das aus den zahlreichen Besprechungen, die dem Buch in der Presse gewidmet worden sind und die es, soweit ich sehen kann, sämtlich loben. Es ist hier einmal der seltene Fall eingetreten, daß sämtliche Richtungen der Arbeiterbewegung und darüber hinaus sogar die bürgerliche Presse einig sind.

Ich benutze die Gelegenheit, um meinen Lesern noch einmal einzu­schärfen: man darf nie vergessen, daß Marx' Werk ein unvollendeter Torso geblieben ist ; nicht bloß äußerlich, nicht bloß in dem Sinne, daß es dem Autor nicht vergönnt war, an die druckfertige Abfassung selbst die letzte Hand zu legen; sondern auch inhaltlich. Der Gedankengang bricht plötzlich ab. Man darf sich also nicht wundern, daß auch diese kleine Ausgrabe plötzlich abbricht. Auch hierin liegt einer der Gründe für die Schwierigkeit des Verständnisses. Die gebratenen Tauben fliegen dem Leser auch hier nicht in den Mund. Die Erfassung des Inhalts will erarbeitet sein. Aber die Arbeit ist doch durch diese meine Ausgabe wesentlich erleichtert, und ich hoffe, daß so mancher durch sie erst in­stand gesetzt worden ist, dann auch das Originalwerk selbst zu lesen und zu verstehen.

Vielleicht dürfte es meine Leser interessieren, daß inzwischen eine englische Übersetzung des Buchs erschienen ist, während eine russische Übersetzung sich gegenwärtig in Vorbereitung befindet.

Das dieser Auflage beigefügte Register wird zur Erleichterung des Auffindens und Nachschlagens bestimmter Stellen sowie des Zu­rechtfindens in dem ganzen Buche willkommen sein.

Berlin-Lichterfelde, im Dezember 1921
Julian Borchardt


Vorrede zur neuen Bearbeitung 1931

Es ist mir eine Freude, dieses Buch jetzt in einer neuen Bearbeitung vorlegen zu können, die eine wesentliche Ergänzung und Verbesserung darstellt. Sie enthält eine Anzahl Kapitel, die in den früheren Auflagen fehlten. Neu hinzugekommen sind: die Ausführungen von Marx über den Arbeitslohn; die wichtigen Untersuchungen des 2. Bandes über Zirkulation und Reproduktion des Kapitals; die Krisentheorie in Marx' eigener Darstellung; sowie endlich die Lehre von der Grundrente. (Dafür konnte der von mir verfaßte Anhang über die Krisen weggelassen werden.) Außerdem habe ich den ganzen Text sorgsam von neuem durchgearbeitet und mit verschie­denen kleinen Ergänzungen und Korrekturen versehen.

Warum diese Kapitel bisher gefehlt haben? Aus einem rein äußeren Grunde: es war der Mangel an Kapital, der die Verständlich­machung des „Kapital" behinderte. In der Kriegs- und Inflationszeit, in der die bisherigen Ausgaben bearbeitet und veröffentlicht wurden, reichte einfach das Geld nicht weiter. Nachdem jetzt die alten Auflagen vollständig ausverkauft sind, ist es mir durch die Hilfe einiger Freunde gelungen, die noch fehlenden und aus dein Leserkreis oft gewünschten Kapitel nachzuholen.

In den seither verflossenen Jahren hat das Buch auch in anderen Ländern weite Verbreitung gefunden. Es ist übersetzt worden ins Englische, Russische, Bulgarische, Japanische, Hebräische und Spanische.

Berlin-Lichterfelde, im Februar 1931
Julian Borchardt

 


Fußnoten

1. Der 2. Band 1885, der 3. Band in zwei Teilen 1894.

2.Eine ganz andere Aufgabe also, als sie z. B. die „Volksausgabe" von Kautsky und Eckstein zu lösen sucht, Diese beschränkt sich auf die Verdeutschung von Fremd­wörtern und die Übersetzung von fremdsprachigen Zitaten. Sodann umfaßt sie bis­her nur den 1. Band auf 700 großen Druckseiten. Der 2. und 3. Band mit ihren viel größeren Schwierigkeiten können wohl kaum auf diese Weise bearbeitet werden. Sollte es aber geschehen, so käme dann eben auch wieder ein Werk von 2000 Druck­seiten heraus, in das sich nur vertiefen kann, wer sehr viel Zeit und viel Geld für diesen Zweck übrig hat.

3.Erschienen 1901 bei Giard & Brière in Paris.

4.ganz am Schluß des Abschnittes, in der „Volksausgabe" S. 330.

5.In der neuen Bearbeitung von 1931 vergleiche man hierzu auch die Stelle in Kapitel 25 (Krisen), die ich dort im Text von mir geändert, in der Anmerkung im Originalwortlaut von Marx gegeben habe.

Ähnliches: 

"Bleibe ich gesund, dann kann der Druck noch diesen Herbst beginnen"

Die vorliegende zweite Auflage ist der Hauptsache nach ein wortgetreuer Abdruck der ersten. Die Druckfehler sind verbessert, einige stilistische Nachlässigkeiten beseitigt, einige kurze, nur Wiederholungen enthaltende Absätze gestrichen worden.

„…auf mich fiel nun die Pflicht, die Herausgabe sowohl dieser dritten Auflage wie des handschriftlich hinterlassenen zweiten Bandes zu besorgen.“

Es war Marx nicht vergönnt, diese dritte Auflage selbst druckfertig zu machen. Der gewaltige Denker, vor dessen Größe sich jetzt auch die Gegner neigen, starb am 14. März 1883.

„Die Untersuchungsmethode, deren ich mich bedient habe (…), macht die Lektüre der ersten Kapitel ziemlich schwierig...“

London, 18. März 1872 An den Bürger Maurice La Châtre Werter Bürger!