„Das Kapital schöpft seine Wirkung aus dem Erklä­rungsmodell der Produktionsweise.“

Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie. Hans Schilar, Faber & Faber

Zum Geleit

„Da dem Geld nicht anzusehn, was in es verwandelt ist, verwandelt sich alles, Ware oder nicht, in Geld. Alles wird verkäuflich und kaufbar. Die Zir­kulation wird die große gesellschaftliche Retorte, worin alles hineinfliegt, um als Geldkristall wieder herauszukommen. Dieser Alchemie widerstehn nicht einmal Heiligenknochen und noch viel weniger minder grobe res sacrosanctae, extra commercium hominum ... Die moderne Gesellschaft, die schon in ihren Kinderjahren den Plutus an den Haaren aus den Einge­weiden der Erde herauszieht, begrüßt im Goldgral die glänzende Inkarnati­on ihres eigensten Lebensprinzips.“ (vorliegender Band, S. 142 f.)

„Überhaupt ist in allen diesen wissenschaftlichen Untersuchungen, die so weites Gebiet und massenhaftes Material umfassen, nur durch langjähriges Studium möglich, etwas Wirkliches zu leisten. Einzelne neue und richtige Gesichtspunkte ... bieten sich schon eher; aber das Ganze übersehn und neu ordnen, kann man erst, wenn man es erschöpft hat. Sonst wären Bü­cher wie das Kapitalviel zahlreicher.“ (Brief Engels an Kautsky vom 18. 9.1883)

Vor dem Bücherfreund liegt das Resultat eines bemerkenswerten verlegeri­schen Projekts: der erste Band von Marx' Das Kapitalals illustrierte Ausgabe. Es ist ein bislang singuläres Unternehmen, und der Verlag hat eine kluge und mutige Entscheidung getroffen, nunmehr auch ein wissenschaftlichesWerk, das längst ein Klassiker der ökonomischen und sozialwissenschaftlichen Literatur ist, in seine Reihe illustrierter Ausgaben der Weltliteratur aufzunehmen.

Mit seinem überquellenden Gedankenreichtum, auch seiner ihm immanen­ten ästhetischen Dimension, ist das Kapitalgeradezu prädestiniert, Textinhalte bildkünstlerisch darzustellen, und für den betrachtenden Leser ist es sicher ein Gewinn, wenn er in den texterhellenden Bildern auch die texterweiternden Gedanken entdeckt. Und vielleicht fühlen sich auch Freunde illustrierter Buch­ausgaben angezogen, die über das Bild zu einem für sie bislang unbekannten Text gelangen und erstaunt sind, was sie da lesen.

Auch im 140. Jahr seiner Erstveröffentlichung ist die Aktualität von Marx' Kapitalungebrochen. Wie ist das zu erklären, da doch die konkreten Bedin­gungen des Wirtschaftens in der Mitte des 19. Jahrhunderts und am Beginn des 21. Jahrhunderts so deutlich verschieden sind Die Antwort darauf ist einfach: Die Grundtatsachen der kapitalistischen Wirtschaft und die daraus resultieren­den Widersprüche und sozialen Probleme existieren fort. Die Lektüre des Kapitalist daher wohl eine Reise in eine vergangene Zeit, nicht aber in eine vergangene Welt. Der Pulsschlag des Kapitals ist in unserem Computerzeitalter zwar unvergleichlich schneller als der im Zeitalter von Eisenbahn und Telegraphie. Doch das in Sekundenschnelle um den Erdball jagende Finanzkapi­tal hat immer noch und mehr denn je das gleiche Ziel seines Vorläufers, nämlich den größtmöglichen Profit erzielen zu wollen. An der „Plusmacherei“ des Kapitals, um mit Marx zu sprechen, hat sich nur das geändert, daß diese noch umfassender und durch die Globalisierung weltumspannend geworden ist.

Marx stellte die Frage nach dem Bewegungsgesetz der auf dem Kapitalver­hältnis beruhenden Gesellschaft und gab darauf eine auch für die heutige Zeit zutreffende Antwort. Sein Buch geht deshalb jeden an, natürlich besonders diejenigen, die vom Kapitalverhältnis gedrückt werden, aber durchaus auch des­sen eigentliche Akteure.

Welchen Weg Marx genommen hat, um den ersten Band seines ökonomi­schen Hauptwerks ausarbeiten und veröffentlichen zu können, und welchen Weg dann das Buch genommen hat, um die darin enthaltene Botschaft in die Welt zu tragen, das soll im folgenden dargestellt werden.

Die Beschäftigung mit den gesellschaftlichen Problemen, wie sie sich zu Beginn der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts in Deutschland und andernorts stellten, hatte Marx rasch zu der Einsicht geführt, daß es unabdingbar war, gründlich die vorliegenden Theorien zur bürgerlichen Ökonomik zu studieren. Am Ende der fünfziger Jahre, nach einem mehr als fünfzehnjährigen Studium der wissenschaftlichen Literatur, faßte er das Fazit seiner Erkenntnisse in der Feststellung zusammen, daß „die Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft ... in der politischen Ökonomie zu suchen sei“. In deren Analyse sah er also die Grundlage zum Verständnis dieses sozialen Systems überhaupt.

Marx verfügte inzwischen über jenen wissenschaftlichen Fundus, den er für die Ausarbeitung seines Hauptwerks benötigte. Bereits in den vierziger Jahren hatte er die materialistische Geschichtsauffassung entwickelt und erste Kontu­ren seiner Wert- und Mehrwerttheorie formuliert, was u. a. in dem Manuskript Die deutsche Ideologie(gemeinsam mit Engels; 1845/46), der Schrift Das Elendder Philosophie(1846/47) und im Manifest der Kommunistischen Partei(mit En­gels; 1847/48) zum Ausdruck kam. Nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49 und seiner Emigration nach England setzte Marx seine Studien in London fort. Er forschte unter den überaus günstigen Bedingungen, die die British Library und England als das klassische Land des Kapitalismus boten, gleichzeitig aber auch in ärmlicher materieller Lage für ihn und seine Familie.

Als Marx im Herbst 1857 mit dem systematischen Schreiben begann, sah er sich unter äußerem Druck; fürchtete er doch, daß im Gefolge der gerade aus­gebrochenen Wirtschaftskrise eine revolutionäre Situation entstehen könnte, auf die er dann nicht ausreichend vorbereitet sei. In Hinsicht auf sein Verhalten als Forscher und Autor ist dieser Umstand als glücklich zu bezeichnen, denn Marx war unersättlich im Literaturstudium und übergenau beim Abschließen von Texten. Weshalb es aber bis zur Veröffentlichung des ersten Bandes dann immerhin noch zehn Jahre dauerte, bedarf der Erklärung.

Von Oktober 1857 bis Mitte des Jahres 1858 schuf Marx ein umfangreiches Manuskript, welches bereits die meisten der später im Gesamtwerk enthaltenen Themenbereiche behandelte, trotzdem aber im besten Wortsinn noch einen Rohentwurf darstellte. Dieses Manuskript ist bekanntlich erst im 20. Jahrhun­dert unter dem Titel Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomieveröffent­licht worden. Die Grundrissesind der erste große Schreibakt und Wurf von Marx mit Blick auf das zu schaffende ökonomische Hauptwerk. Sie haben eine hohe eigenständige Bedeutung, da darin Darstellungen enthalten sind, die -wie der Abschnitt über „Formen, die der kapitalistischen Produktion vorher­gehen“ und Bemerkungen über die Rolle des Zeitfaktors in und außerhalb der Ökonomie - inhaltlich nicht oder nur beiläufig in das Kapitalübernommen worden sind. Das betrifft auch die Einleitung zu den Grundrissen,die unter anderem Ausführungen zur Methode der politischen Ökonomie enthält.

Marx' Konzept zur Zeit der Abfassung der Grundrissesah eine Einteilung der Sachthemen in sechs Bücher vor, die er jedoch während des Schreibens bereits in Frage stellte. Was die Publikation betraf, so beabsichtigte Marx die Veröffentlichung der Texte in aufeinanderfolgenden Heften, vergleichbar etwa den Lieferungen zum Deutschen Wörterbuchvon Jacob und Wilhelm Grimm. Diese Form entsprang seiner Überlegung, daß er dem Leser verpflichtet sei, seine Forschungsergebnisse rasch mitzuteilen.

Mit diesem Plan begann Marx im August 1858 die Ausarbeitung der The­men Ware, Geld und Kapital, die in einem ersten Heft publiziert werden sollten. Im Januar 1859 mußte er sich indes eingestehen, daß der Umfang des bereits Geschriebenen so groß war, daß er im ersten Heft nur die Themen Ware und Geld unterbringen konnte. Dies erfolgte dann auch, und Marx stell­te es unter den Titel Zur Kritik der politischen Ökonomie.Das Heft, das eigent­lich schon ein Buch war, erschien im Juni 1859 in Berlin.

Die für die Grundrissezu reklamierende Eigenständigkeit gilt ebenso für diese Schrift. So ist darin die Geldtheorie am ausführlichsten behandelt. Einen herausragenden Platz beansprucht allerdings das Vorwort. Es enthält die klassi­sche Formulierung der materialistischen Geschichtsauffassung, deren entschei­dende Passage lautet: „In der gesellschaftlichen Produktion gehen die Men­schen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materi­ellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhält­nisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte Bewußtseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Le­bens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt. Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.“ – Auf Grund der Entwicklung der Produktivkräfte, so Marx weiter, geraten diese mit den Produktions- und Eigentumsverhältnissen zunehmend in Widerspruch, und dieser werde schließlich in einer „Epoche sozialer Revolution“ gelöst. Jedoch: „Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind.“

Nun wollte es der Zufall der Wissenschaftsgeschichte, daß vier Monate nach Erscheinen der Marxschen Schrift, im November 1859, ein Buch in Lon­don erschien, das den materialistischen Entwicklungsgedanken für die Naturgeltend machte und den Titel trug: On the Origin of Species by Means of NaturalSelection.Engels, der es unmittelbar nach seinem Erscheinen gelesen hatte, schrieb an Marx, daß „der Darwin ... ganz famos“ sei: „Die Teleologie war nach einer Seite hin noch nicht kaputt gemacht, das ist jetzt geschehn. Dazu ist bisher noch nie ein so großartiger Versuch gemacht worden, historische Ent­wicklung in der Natur nachzuweisen.“ (Brief vom 11. /12.12.1859)

Marx stimmte dieser Einschätzung sofort zu, erkannte er doch in Darwins Evolutionstheorie die „naturhistorische Grundlage“ für die eigene Arbeit, auch wenn er dessen Beweismethode, die sich u. a. auf Malthus stützte, für unvollkommen hielt. Es war dies ein glückliches Zusammentreffen zweier wis­senschaftlicher Großtaten!

Anfang der 1860er Jahre präzisierte Marx erneut sein Arbeitskonzept. Er trennte sich endgültig von dem Gedanken, sein Werk in aufeinanderfolgenden Heften zu publizieren, da er – die Erfahrung mit den Grundrissenvor Augen –erkannt hatte, daß ein so komplexes Werk, wie er es anstrebte, der vollkomme­nen Abstimmung aller Teile bedurfte. Das war jedoch nur erreichbar, wenn alle Teile hinreichend ausgearbeitet vorlagen. Gleichzeitig schuf er – stark orientiert an dem dialektischen Darstellungsprinzip eines „Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten“, also von den wesenhaften zu den marktnahen, empirischen Kategorien – die letztgültige sachthematische Gliederung seiner Arbeit und konzentrierte sich auf folgende vier Bände: 1) Produktionsprozeß des Kapitals; 2) Zirkulationsprozeß des Kapitals; 3) Gesamtprozeß der kapitalistischen Pro­duktion; 4) Geschichte der Theorie. Den ersten Band sah Marx dabei für die theoretische Fundierung des Gesamtwerks vor. Mit diesen Leitgedanken setz­te er den Schreibprozeß fort und schloß ihn zunächst 1863 mit einem ersten Manuskript des Gesamtwerks und dann 1865 mit einem zweiten, neuen und umfangreicheren Text, der eine bis ins einzelne ausgearbeitete Variante der Kapital-Bände darstellt, ab. Anfang 1866 ging er an die redaktionelle Bearbei­tung und entschied sich, zunächst nur den ersten Band vorzubereiten und zu veröffentlichen. Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Bander­schien im September 1867 im Hamburger Verlag Otto Meissner.

In zwei Briefen an Engels bemerkte Marx mit speziellem Blick auf das Kapi­tal:

„Welche Mängel sie auch immer haben mögen, das ist der Vorzug meiner Schriften, daß sie ein artistisches Ganzes sind, und das ist nur erreichbar mit meiner Weise, sie nie drucken zu lassen, bevor sie ganz vor mir liegen. Mit der Jacob Grimmschen Methode ist dies unmöglich und [jene H. S.]geht über­haupt besser für Schriften, die kein dialektisch Gegliedertes sind.“ (Brief vom 31.7.1865)

„Du verstehst ... daß in einem Werke wie meinem, manche short­comings im Detail existieren müssen. Aber die Komposition,der Zusammen­hang, ist ein Triumph der deutschen Wissenschaft, den ein einzelner Deut­scher eingestehn kann, da es in no way seinVerdienst ist, vielmehr der Nationgehört.“ (Brief vom 20. 2.1866)

Marx' Worte vom „artistischen Ganzen“, von einer „Komposition“ legen nahe, daß das Kapitaldurchaus auch eine starke künstlerisch-ästhetische Kom­ponente besitzt. Tatsächlich bestehen deutliche Korrespondenzen zwischen Marx' Konzept einer wissenschaftlichen Ganzheit, Totalität und der Program­matik der deutschen literarischen Klassik vom Kunstwerk als organischem Ganzen. Das Werk des großen Goetheliebhabers ist gewiß auch in dieser Tra­dition zu sehen. Entsprechend war es eine richtige Beobachtung, daß Max Weber das Kapitalunter anderem mit Goethes Faustverglich. Dabei offenbart sich Marx' ästhetischer Sinn sowohl in der Gesamtstruktur seines Werks wie auch in einer Fülle konkreter sprachlicher Details. Franz Mehring hat letzteren Aspekt in seiner Marx-Biographie in den treffenden Satz gekleidet, daß Marx in der „Bildhaft seiner Sprache an die ersten Meister der deutschen Literatur heranreichte“ und hohen Wert legte „auf das ästhetische Gleichmaß seiner Schriften, ungleich den dürftigen Geistern, denen lederne Langeweile die er­ste Bürgschaft gelehrten Schaffens ist“.

Freilich stand der wissenschaftliche Anspruch für Marx immer im Zentrum; in seiner Realisierung trat die ästhetische Dimension gewissermaßen hinzu.Es ist auffallend, daß Marx sein Werk auch als „Triumph der deutschen Wissen­schaft“ bezeichnete. Insbesondere in der klassischen deutschen Philosophie, vor allem bei Hegel, sah Marx fair sich entscheidende theoretische Quellen. Dabei begriff er das Kapitalnur als logische Konsequenz und (vorläufigen) Abschluß einer langewährenden geistesgeschichtlichen Entwicklung. – Die in seiner Bemerkung durchaus enthaltene patriotische Komponente ist eine in­teressante Äußerung des Internationalisten Marx.

Das Kapitalberuht auf der Ausgangsthese, daß nicht nur die Ware, die „öko­nomische Zellenform“ der bürgerlichen Gesellschaft, doppelter Natur ist, sich in Gebrauchswert und Tauschwert darstellt, sondern daß dies auch für die sie hervorbringende Arbeit zutrifft, die – und das ist die zentrale Entdeckung von Marx – als „konkrete“ und „abstrakte“ Arbeit verausgabt wird. Wie bei allen Innovationen in Wissenschaft und Technik, so ist auch der Nachweis des Dop­pelcharakters der Arbeit das Resultat eines veränderten und neuen Blicks auf das bereits aufgehäufte und immer wieder von der politischen Ökonomie hin- und hergewälzte Tatsachenmaterial. Allerdings kam hier das vorurteilsfreie In­teresse hinzu, hinter das Geheimnis des Kapitals und der Mehrwertproduktion kommen zu wollen.

Die Entdeckung des Doppelcharakters der warenproduzierenden Arbeit er­möglichte es, die Frage nach der Quelle des Reichtums und der kapitalistischen Bereicherung auf neue Weise zu beantworten. Begriff die politische Ökono­mie den Profit entweder als Frucht systematischer Preisaufschläge oder als angemessene Vergütung für das eingegangene Unternehmerrisiko, und stellte sich dies für die verschiedenen politischen Richtungen, die Kritik an der kapi­talistischen Gesellschaft übten, als Prellerei und Diebstahl im landläufigen Sin­ne dar, so verwies Marx den Profit aus dem Arsenal jedweder moralischer Er­klärungsversuche, indem er ihn als Resultat eines vertraglich geregelten Austauschs zwischen Arbeiter und Unternehmer definierte, der sich nach den­selben Gesetzen wie jeder andere Warenaustausch regelt. Hierzu bedurfte es des Gedankenschritts, auch die Arbeitskraft in die Warenwelt einzubeziehen, sie als eine spezifische Warezu begreifen. Der Umstand, daß die Arbeitskraft die Fähigkeit besitzt, mehr Werte zu schaffen, als sie zu ihrer eigenen Reproduk­tion benötigt, begründet die in ihrem Austausch mit dem Kapital erforderliche Äquivalenz sowie auch den vom Kapitalisten beanspruchten Profit. Der Regel­mechanismus kapitalistischer Ausbeutung menschlicher Arbeit war offengelegt.

Hiervon ausgehend entfaltet Marx im weiteren das Geschehen des kapitali­stischen Produktionsprozesses. So werden die für den Produktionsprozeß ent­scheidenden Vorgänge der Verwandlung von Geld in Kapital, der Mehrwert­erzeugung und der Vermehrung des Kapitals durch Akkumulation und erweiterte Reproduktion beschrieben. Der Leser wird hineingezogen in eine eingehende Darstellung, die die umwälzenden Prozesse des Übergangs vom Manufaktur- zum Industriekapitalismus in England charakterisiert. Hierbei wird deutlich, wie weit Marx in die Technikentwicklung seiner Zeit und deren gesellschaftliche Konsequenzen eingedrungen war. Außer seinem – täglichen –Studium der sozialwissenschaftlichen Literatur arbeitete er sich im Stile eines Universalgelehrten durch alle relevanten Fachgebiete wie Chemie, Geologie, Agronomie und Technologie sowie weitere Disziplinen.

Immer wieder wird der Lesende viel Artverwandtschaft mit heutigen Pro­zeßabläufen und Mechanismen feststellen, so daß er sich zuweilen die Augen reiben und fragen möchte, in welchem Jahrhundert Marx eigentlich lebte. So ist im Abschnitt über den „Akkumulationsprozeß des Kapitals“ der Bogen gespannt vonder Konkurrenz der Einzelkapitale, die „stets mit dem Untergang vieler kleinerer Kapitalisten“ endet, „deren Kapitale teils in die Hand des Sie­gers übergehn, oder aber untergehn“ (2. Teilband S. 665), überdie Rolle der „Aktiengesellschaften“ als Form der Kapitalkonzentration, die beispielsweise den Eisenbahnbau „im Handumdrehn fertiggebracht haben“ (ebd. S.667) biszur Herausbildung großer Kapitale, die „die bewußte technische Anwendung der Wissenschaft“ mit Blick auf „die planmäßige Ausbeutung der Erde“ durch „Verschlingung aller Völker in das Netz des Weltmarkts“ betreiben und damit den „internationalen Charakter des kapitalistischen Regimes begründen“. (ebd. S. 799)

Ganz gegenwärtig erscheinen Marx' Darlegungen auch, wenn er den Platz des Lohnarbeiters in der Kapitalreproduktion näher beschreibt und die er­zwungene „Überarbeitung des beschäftigten Teils der Arbeiterklasse“ als Ur­sache für den „erzwungenen Müßiggang ... des anderen Teils der Arbeiter­klasse“ herausstellt. (ebd. S.674 f.) Etwas später im Text heißt es: „Der Konsum der Arbeitskraft durch das Kapital ist ... so rasch, daß der Arbeiter von mittle­rem Alter sich meist schon mehr oder minder überlebt hat. Er fällt in die Reihe der Überzähligen oder wird von einer höheren auf eine niedrigere Staf­fel hinabgedrängt.“ (ebd. S. 679)

Zweifellos regen noch viele Passagen zu aktuellen Bezugnahmen an; darunter auch der prägnante Text des englischen Gewerkschafters Thomas Joseph Dun­ning, den Marx zur Charakterisierung seines Standpunkts zitiert: „Kapital flieht Tumult und Streit und ist ängstlicher Natur. Das ist sehr wahr, aber doch nicht die ganze Wahrheit. Das Kapital hat einen horror vor Abwesenheit von Profit oder sehr kleinem Profit, wie die Natur vor der Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden. 20Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens ...“ (ebd. S. 797f.)

An dieser Stelle noch einige Anmerkungen zu Marx' facettenreicher Spra­che. Sie kommt stets wortgewaltig, ja wuchtig daher, ist aber in jeder Hinsicht präzis und eindeutig. In der Polemik ist sie auch ironisch, bissig, ja drastisch. Mehring hat sie – in einer Nachlaßedition zu Marx, Engels und Lassalle – so charakterisiert: „Sein Stil ist nicht anmutig, einschmeichelnd, gefällig, aber sei­ne Sätze wälzen sich voran wie ein Strom flüssigen Goldes, und Denen, die sie als leer zugleich und schwer getadelt haben, hätte Marx mit Platen antworten können: leer an Geklimper vielleicht, schwer wie eine reifende Frucht.“

Daß die verwendeten Fachausdrücke, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht mit den damals und auch heute gebräuchlichen Termini in den Wirt­schafts- und Sozialwissenschaften übereinstimmen, ist leicht festzustellen. Hier gilt das, was Engels im Vorwort zur englischen Ausgabe 1886 gesagt hat: „Jede neue Auffassung einer Wissenschaft schließt eine Revolution in den Fachaus­drücken dieser Wissenschaft ein.“ Zutreffend ist aber auch, was Marx im Vor­wort zur ersten Ausgabe schrieb: „Mit Ausnahme des Abschnitts über die Wertform wird man ... dies Buch nicht wegen Schwerverständlichkeit ankla­gen können. Ich unterstelle natürlich Leser, die etwas Neues lernen, also auch selbst denken wollen.“

Ein Kennzeichen der Marxschen Darstellung ist auch der Rückgriff auf die Sprache der Mathematik, insbesondere auf algebraische Methoden. Diese fin­den vor allem im zweiten und dritten Kapital-Band,z. B. bei der Behandlung der Reproduktions- und Profitratentheorie, Anwendung. Man mag sich die Frage stellen, was Marx wohl auf diesem Gebiet noch zu leisten im Stande gewesen wäre, hätten ihm bereits die Lösungsmöglichkeiten simultaner Gleichungssysteme, der linearen Algebra und der Optimierung zur Verfügung gestanden. Für die Differential- und Integralrechnung, für die er sich nicht nur interessierte, sondern über die er selbständige Abhandlungen verfaßte, fand er offenbar kein ökonomisches Anwendungsfeld. Hier hätte er den Schritt zur Grenzwertbetrachtung tun müssen, was jedoch in seiner Werttheorie für das industrielle Kapital nicht angelegt war.

Die Wirkungsgeschichte des Kapitalsmuß man – bei aller Eigenständigkeit des ersten Bandes – als Rezeption des gesamten Werks verfolgen und be­stimmen. Obwohl sich Marx vorgenommen hatte, nach Erscheinen des ersten Bandes die Bände zwei und drei rasch folgen zu lassen, ist aus dieser Absicht zu seinen Lebzeiten jedoch nichts mehr geworden. Warum er es nicht ver­mochte, dies noch selbst zu realisieren, hat sicher verschiedene Gründe. Mit ausschlaggebend hierfür waren zweifellos die häufigen und andauernden Krankheitsperioden. Hinzu kamen aber auch die mit der rasanten gesellschaft­lichen und technischen Entwicklung aufkommenden neuen und weiterführen­den Fragen, mit denen sich Marx nach Erscheinen des ersten Bandes konfron­tiert sah. Wie die mit unzähligen Varianten und Korrekturen versehenen Arbeitsmanuskripte insbesondere zum dritten Band belegen, rang er mit un­glaublicher Hartnäckigkeit stets um die bestmögliche Darstellung. Marx' An­spruch, jeweils alle zugänglichen Quellen erschlossen zu haben, bevor ein Text beendet und freigegeben werden konnte, kollidierte offenbar in den siebziger Jahren zunehmend mit der Möglichkeit, Forschung auf enzyklopädischer Grundlage betreiben zu können. Bei der raschen Wissenschaftsentwicklung war die große Informations- und Materialfülle durch ihn nicht mehr umfassend zu bearbeiten. Somit kam es erst postum, durch Engels, zur Publikation des zweiten und dritten Bandes (1885 und 1894). Engels stützte sich dabei auch auf alle von Marx hinterlassenen Zusätze zum Hauptmanuskript von 1865. Die für den vierten Band, die Theoriegeschichte, vorgesehenen Manuskripte hat Karl Kautsky in den Jahren 1905 bis 1910 unter dem Titel Theorien über den Mehr­wertveröffentlicht.

Das Kapitalschöpft seine anhaltende Wirkung aus dem tragfähigen Erklä­rungsmodell der kapitalistischen Produktionsweise. Wie auch immer die Pro­duktivkräfte und die Mechanismen der Kapitalverwertung beschaffen sind – die Quelle der Mehrwertproduktion und damit des Profits ist und bleibt die menschliche Arbeitskraft, die von ihrem Besitzer zwecks Existenzsicherung veräußert werden muß. Ist heute auch in den entwickelten kapitalistischen Ländern das Proletariat als Typus der Beschäftigten so gut wie passé, so existiert die es kennzeichnende Abhängigkeit in der Lohnabhängigkeit der Beschäftig­ten fort. Für das Kapital geht es in jedem Fall um die kostengünstigste Verwer­tung der eingesetzten Arbeit. Wenn gegenwärtig also wieder verstärkt nach Erklärungsmustern und Lösungsstrategien gefragt und dabei auf Marx' Kapitalzurückgegriffen wird, so erfolgt dies auf Grund des gewachsenen Drucks, den das Kapital auf die lohnabhängigen Beschäftigten ausübt. Die Globalisierung und die Rückkehr der ehemals sozialistischen Länder Osteuropas zur kapitali­stischen Marktwirtschaft haben für diesen Prozeß günstige Bedingungen ge­schaffen. Die Marxsche Prognose vom „internationalen Charakter des kapita­listischen Regimes“ hat sich längst verwirklicht. Mit der „Verschlingung aller Völker in das Netz des Weltmarkts“ und der damit einhergehenden Differen­zierung in arme und reiche Länder, in neue Schichten und Klassen innerhalb der Lohnabhängigen sowie in Gewinner und Verlierer der Globalisierung ent­stehen auch für die Bewertung der Kapitalwirksamkeit neue Maßstäbe. Ließen sich Mitte des 19. Jahrhunderts die sozialen Probleme als Folge der Kapital­wirksamkeit an der Lage der arbeitenden Klasse in England, also in einemLand, hinreichend ablesen, so ist das heute nur als ganzheitliche Beurteilung der globalen Wirkung des Kapitals möglich und richtig. 

Wie ging es nach der Veröffentlichung des ersten Kapital-Bandesweiter mit dessen Verbreitung und Wirkungsgeschichte? Eine zweite deutsche Auflage erschien 1872, und im gleichen Jahr begann die Veröffentlichung in französi­scher Sprache. Diese Ausgabe versah Marx mit Zusätzen und Änderungen exklusiv für den französischen Leser. Da sich jedoch die Publikation, die in aufeinanderfolgenden Heften erfolgte, über mehrere Jahre erstreckte, ist die russische Ausgabe, die 1872 komplett publiziert wurde, als erste ausländische Veröffentlichung anzusehen. Diese passierte übrigens die russische Zensur mit der zum Schmunzeln anregenden Begründung: „Obgleich der Verfasser nach seinen Überzeugungen ein vollständiger Sozialist ist und das ganze Buch einen vollständig bestimmten sozialistischen Charakter führt; jedoch mit Rücksicht darauf, daß die Darstellung durchaus nicht für jeden zugänglich genannt wer­den kann und daß sie von der andern Seite die Form streng mathematisch wissenschaftlicher Beweisführung besitzt, erklärt das Komitee die Verfolgung dieses Werkes vor Gericht für unmöglich.“ – Die erste englische Ausgabe erschien erst nach Marx' Tod 1886/87 in London. Ihr folgten dann rasch drei weitere Auflagen bis 1891. Außerdem – alles noch mit Engels' redaktioneller Hand – erschienen in deutscher Sprache die dritte (1883) und vierte (1890) Auf­lage, wobei letztere der vorliegenden illustrierten Ausgabe zu Grunde liegt. Im Zeitraum von 1884 bis 1894 kam es auch zu Ausgaben in polnischer, dänischer, spanischer, italienischer und holländischer Sprache.

Das 20. Jahrhundert, das in starkem Maße durch die Existenz sozialistischer Länder geprägt war, die ihre wissenschaftlichen und ideologischen Wurzeln bei Marx und dem Marxismus sahen, bot exklusive Bedingungen für die Ver­breitung der Schriften von Marx und Engels. Daß sich in diesen Werken und mithin im Kapitalallerdings keine Anleitungen und Vorschriften, wie der Auf­bau einer sozialistisch orientierten Gesellschaft konkret zu bewerkstelligen sei, finden lassen würden, darauf hatten Marx und Engels noch selbst aufmerksam gemacht. Wiederholt wiesen sie ein entsprechendes Ansinnen sozialdemokra­tischer Führer als utopistisch und unwissenschaftlich zurück. Was im Rahmen der Kapitalismuskritik allerdings nicht fehlen durfte, war die Herausarbeitung der sozialökonomischen Alternative zum kapitalistischen Privateigentum, näm­lich des gemeinschaftlichen Produktionsmitteleigentums und der damit ver­bundenen gesellschaftlichen Planung. Bemerkungen dazu finden sich im Kapi­tal undin anderen Schriften vor allem in Zusammenhängen, wo vom Umschlag der Verhältnisse in eine neue soziale Qualität durch Zuspitzung der Wider­sprüche der kapitalistischen Ökonomik gesprochen wird.

Das Kapitalbesaß indes für die Ausarbeitung einer sozialistischen Wirt­schaftstheorie vor allem konzeptionelle und methodologische Bedeutung. Das Werk wurde insbesondere dahingehend „befragt“, welche inhaltlichen Wandlungen und Brüche das soziale Kategoriensystem erfährt und was an dessen Stelle treten soll. Von großer Bedeutung war die Frage, welche Rolle Wertkategorien in einer auf den Bedarf (Gebrauchswert) orientierten Wirt­schaft spielen, die den Ausgleich von Angebot und Nachfrage nicht über den Markt, sondern durch einen zentralen Plan herstellt. Trotz z. T. differenzier­ter theoretischer Ansätze und Konzepte setzten sich jedoch in der Praxis meist simplifizierende Auffassungen durch.

Vergegenwärtigt man sich die grundlegenden Wirtschaftsstrukturen der früheren sozialistischen Länder Europas, so wird verständlich, welche Pro­zesse und Zusammenhänge für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten verursa­chend waren. Insbesondere zeugen die unzureichend entwickelten monetä­ren Kategorien und ihr eingeengtes Anwendungsfeld von stark vereinfachten Vorstellungen über die Leitung und Gestaltung eines so komplexen Organis­mus', wie ihn die Wirtschaft darstellt. Sie dokumentieren ein ungenügend entwickeltes Verständnis ihrer systemübergreifenden Rolle, die für eine sich planmäßig entwickelnde Wirtschaft nur unter Nutzung historisch bewährter Gegebenheiten und Mechanismen neu zu bestimmen gewesen wäre.

Im 20. Jahrhundert eroberte sich das Kapitalauch einen festen Platz unter den ökonomischen, sozialwissenschaftlichen und philosophischen Standard­werken in den westlichen Ländern. Marx fand weltweit Anerkennung als herausragender Wissenschaftler und revolutionärer Denker. Seine Theorie wurde Gegenstand ungezählter Diskurse über sozialwissenschaftliche, philo­sophische, ökonomische, soziologische und kulturwissenschaftliche Themen. Eingehend wurde das Problem der Entfremdung im Kontext mit den im Kapitalgemachten Ausführungen zum Wertbegriff und Warenfetischismus erörtert. Kontrovers verlief der mehr als hundert Jahre währende Meinungs­streit über das sogenannte Transformationsproblem, der Umrechnung der Werte (des ersten Kapital-Bandes) in Preise (des dritten Bandes), das Ende des 19.Jahrhunderts von Eugen von Böhm-Bawerk als widersprüchlich be­zeichnet worden war. Von Bedeutung waren ebenfalls die Debatten über die von Marx entwickelten Ansätze für eine Wachstums-, Konjunktur- und Ein­kommenstheorie sowie die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Vor allem aber hat der das Marxsche Theoriengebäude bestimmende Grundsatz, wo­nach die Produktionsverhältnisse den sozialen, rechtlichen und geistigen Le­bensprozeß bedingen, Eingang in viele Theorien gefunden. Nicht unerwähnt bleiben darf auch der Einfluß des Neomarxismus auf die alternativen Bewe­gungen Ende der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Die Breite, Intensität und auch Gegensätzlichkeit der Auseinandersetzung mit dem Marxschen Werk, insonderheit dem Kapital,war in bedeutendem Maße das Ergebnis des jahrzehntelangen Ost-West-Konflikts.

Daß es wirklich noch immer sinnvoll ist, auch heute, nach dessen Beendi­gung, dem Niedergang des sozialistischen Systems, zum Kapitalzu greifen, hängt eben wesentlich damit zusammen, daß Marx das Wesen der kapitalisti­schen Wirtschaft insgesamt gültig beschrieb. Darüber hinaus aber hält sein Werk, trotz der gegensätzlichen Erfahrungen, das Bewußtsein eines möglichen und notwendigen sozialen Formenwandels wach. Dem zukunftsorientierten Den­ken sind hierbei viele Richtungen geöffnet; sie schließen auch die großen inno­vativen Energien des Kapitals selbst ein. Im Zusammenschluß aller verantwor­tungsvollen Kräfte zur Lösung der brisanten Menschheitsfragen – Übervölkerung, Armut, Krieg, Natur – wird es darum gehen, Formen humanen und umweltbe­wußten Zusammenlebens zu suchen und zu finden, dabei gewiß nicht mehr einesoziale Alternative, wie Marx es noch dachte, sondern in einer so viel­gestaltigen Welt auch vielegesellschaftliche Möglichkeiten. Auch der Wert des Tradierten, Bewährten, scheinbar sozial Überholten ist hierbei neu zu ent­decken und zu bestätigen. – In diesen notwendigen Prozessen wird Marx' Werk sicher einewichtige Stimme sein. Einen Alleinvertretungsanspruch auf Wahrheit, wie er Marx lange Zeit so fatal beigemessen wurde, besitzt er aller­dings nicht mehr. Stattdessen ist sein Wort in einer kommunikativenSuche nach zukunftsweisenden Wegen immer wieder einzubringen und stark zu machen. Das gilt ganz besonders für seinen folgenreichen Kerngedanken, daß gerade nicht das Kapital, nicht sachliche Werte überhaupt den eigentlichen sozialen Reichtum ausmachen, sondern das menschliche Individuum mit sei­nen Qualitäten, Fähigkeiten und Potentialen.

Abschließend nochmals kurz zur Editionsgeschichte: Kennzeichnend für das 20. Jahrhundert waren die Bemühungen um die Erschließung und Veröffentli­chung des gesamten literarischen Nachlasses von Marx und Engels. Sie setzten in den zwanziger Jahren in der Sowjetunion mit einem Projekt der Marx-En­gels-Gesamtausgabe ein, das jedoch bald abgebrochen wurde, konzentrierten sich dann auf eine erste russische Werkausgabe, die bis 1946 in einundzwanzig Bänden erschien und führten schließlich zur Erarbeitung einer neununddrei­ßigbändigen Werkausgabe, die auch die Grundlage für die über vierzig Bände umfassende deutsche Ausgabe der Marx-Engels-Werke (MEW) darstellt. Die­se wurde bis Ende der sechziger Jahre vorgelegt und erlangte große Verbrei­tung, weil die sprachliche Authentizität bei dem überwiegenden Teil der ver­öffentlichten Texte gegeben war und die Leser Marx und Engels in der von beiden am häufigsten benutzten – deutschen – Sprache studieren konnten. Ab 1965 begann dann die konzeptionelle Phase und ab 1975 die Publikation einer neuen Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) mit mehr als einhundert Bän­den. Sie steht seit 1990 unter dem Patronat der Marx-Engels-Stiftung und vereint vor allem Wissenschaftler aus Deutschland, Rußland und Japan. Die Edition des Kapitalerfolgt darin in einer gesonderten Abteilung. Bislang liegen insgesamt zweiundfünfzig Bände vor, darunter auch die meisten der Kapital-Edition.Von den großen Ausgaben seien noch die Collected Works in fünfzig Bänden (1975-2004) erwähnt.

Neben den Bemühungen um die Veröffentlichung des gesamten Nachlasses gab es stets auch Publikationen einzelner Werke bzw. Werkgruppen (Briefe inkl.), darunter das Kapital.Hervorzuheben sind Ausgaben von Karl Kautsky (1914) und Karl Korsch (1932), aber auch die von Julian Borchardt 1919 besorgte Ausgabe einer Auswahl aus allen drei Bänden, die von Benedikt Kautsky 1929 zur Popularisierung des Kapitalvorgelegte verkürzte Textfassung sowie eine in deutscher Sprache in Moskau 1932 publizierte Ausgabe. Letztere wurde 1947 in Ost-Berlin nachgedruckt und bildete für lange Zeit die Grundlage für das Kapital-Studium in der DDR.

Von den genannten Ausgaben zeugt vor allem die von Karl Korsch eingelei­tete von gleichermaßen popularisierendem Anspruch wie schöpferischem, un­konventionellem Geist. Sein Geleitwort enthält wertvolle Hinweise für ein sinnvolles Studium des Werkes und wendet sich u. a. in einem für die damalige Zeit nicht opportunem Sinne der Frage des Allgemeingültigen bei Marx zu: „Ganz ähnlich wie es Marx für seinen Wertbegriff ausgesprochen hat, gilt es auch für die Marxsche Geschichtsauffassung, daß sie von ihrem Urheber nie­mals als dogmatisches Prinzip betrachtet worden ist, sondern lediglich als ein neuer, brauchbarer Zugang zur Erforschung der für den handelnden und den­kenden Menschen sinnlich wirklich und praktisch gegebenen Erfahrungswelt ... Darüber hinaus haben die im Kapitalaufgestellten Sätze Allgemeingültigkeit nur in dem Sinn, wie jede tiefere erfahrungsmäßige Erkenntnis einer natürli­chen oder geschichtlichen Gestalt in ihrer Geltung über diesen Einzelfall hin­ausgreift.“ – Im Vorangegangenen ist die Frage des – auch mit gehörigem zeitlichen Abstand zu Korschs Edition – nach wie vor Gültigen im Kapital näher erörtert worden. Man darf noch hinzufügen, daß hierzu in besonderer Weise auch die Marxsche Methodeselbst, die dialektische Analyse des Realen und gesellschaftlich Grundlegenden, gehört. Sie wird ganz gewiß immer wie­der neue wissenschaftliche Impulse freisetzen.

Übrigens:Wilhelm Wolff; dem der erste Kapital-Bandgewidmet ist, war nicht etwa zweite Wahl für diese Ehre, weil Marx angeblich Darwin dafür vorgese­hen hatte, dieser jedoch abgelehnt habe. Richtig ist, daß Wilhelm Wolff Marx' erster und einziger Kandidat hierfür war und Marx ein Exemplar des Bandes mit handschriftlicher Widmung an Darwin übersandt hatte. Darwin erwiderte darauf:

„Dear Sir:

Ich danke Ihnen für die Ehre, die Sie mir mit der Übersendung Ihres gro­ßen Werkes über das Kapital erwiesen haben. Ich wünschte, ich ... verstünde mehr von dem tiefgründigen, wichtigen Thema der politischen Ökonomie. Zwar forschen wir auf sehr unterschiedlichen Gebieten, aber ich glaube, daß wir beide ernsthaft nach Erweiterung des Wissens streben und daß dies auf lange Sicht dem Glück der Menschheit dienen wird.

Ich verbleibe, Dear Sir,

als Ihr ergebener Charles Darwin“

Der illustrierten Kapital-Ausgabe liegt die vierte Auflage von 1890, die letzte von Engels durchgesehene, zu Grunde. Diese hatte von ihm „eine möglichst endgültige Feststellung des Textes“ gefordert, wie er im Vorwort bemerkte. Der „ganze mühsame Berichtigungsprozeß“, dem er sich unterzogen habe, führte jedoch – obwohl noch eine Reihe von Zusätzen und Anmerkungen Eingang fanden – zu keinen nennenswerten inhaltlichen Korrekturen, da diese nach Hinweisen von Marx zum größten Teil bereits in die dritte Auflage von 1883 eingeflossen waren. In der vierten Edition blieben sie sämtlich erhalten, so daß diese den Marxschen Willen in dessen Todesjahr zum Ausdruck bringt. Allerdings hatte Marx weiterführende Pläne entwickelt. Wie Engels im Vor­wort zur dritten Auflage berichtete, wollte er den Text großenteils umarbeiten und vor allem das geschichtliche und statistische Material „bis auf die neueste Zeit ergänzen“.

Der besseren Lesbarkeit wegen folgt die vorliegende Ausgabe der Praxis der Herausgeber von Band 23 der Marx-Engels-Werke, der den ersten Kapital-Bandenthält, und gibt die in der von Engels besorgten vierten Ausgabe noch in der Originalsprache wiedergegebenen Zitate in deutscher Sprache wieder. Das Personenverzeichnis nutzt den Erkenntnisstand der Marx-Engels-Ge­samtausgabe.

Hans Schilar

Ähnliches: 

„…auf mich fiel nun die Pflicht, die Herausgabe sowohl dieser dritten Auflage wie des handschriftlich hinterlassenen zweiten Bandes zu besorgen.“

Es war Marx nicht vergönnt, diese dritte Auflage selbst druckfertig zu machen. Der gewaltige Denker, vor dessen Größe sich jetzt auch die Gegner neigen, starb am 14. März 1883.

„Die Arbeit ist das Mass des Werts“

„Die Untersuchungsmethode, deren ich mich bedient habe (…), macht die Lektüre der ersten Kapitel ziemlich schwierig...“

London, 18. März 1872 An den Bürger Maurice La Châtre Werter Bürger!